Diagnose Burnout: Wenn Arbeit krank macht

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Ausgebrannt, erschöpft und überfordert – immer mehr Menschen leiden in der heutigen Zeit unter Burnout (Foto: F. Richter).

Diagnose Burnout: Die Psychosomatische Tagesklinik Passau und die psychosomatische Abteilung am Krankenhaus Wegscheid helfen den Betroffenen neue Kraft zu schöpfen.

Ausgebrannt, erschöpft und überfordert – immer mehr Menschen leiden in der heutigen Zeit unter Burnout (Foto: F. Richter).

Ausgebrannt, erschöpft und überfordert – immer mehr Menschen leiden in der heutigen Zeit unter Burnout (Foto: F. Richter).

 

Ausgebrannt, erschöpft und überfordert – immer mehr Menschen leiden in der heutigen Zeit unter Burnout. Neben beruflichem Stress führen auch Belastungen im privaten Bereich zu Problemen bei der Lebensbewältigung. Chefarzt Dr. med. Alexander Knipel, Leiter der Abteilung Psychosomatische Medizin am Krankenhaus Wegscheid, spricht im Interview über Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten bei Burnout.

Dr. med. Alexander Knipel, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Südostbayern

Dr. med. Alexander Knipel, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Südostbayern

Was genau versteht man unter Burnout?

Dr. Knipel: Die deutsche Übersetzung, „das Ausgebranntsein“, trifft es sehr gut. Es ist ein massiver geistiger und körperlicher Erschöpfungszustand, welcher oftmals durch ungünstige Arbeitsplatzfaktoren entsteht. Es beschreibt den Zustand, der eintritt, wenn die Kraftreserven aufgebraucht sind und keine Möglichkeiten gefunden werden, diese wieder aufzufüllen.

Ist das Burnout-Syndrom eine eigenständige Krankheit?

Dr. Knipel: Von der Weltgesundheitsorganisation ist das Burnout-Syndrom als Einflussfaktor, aber nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Dies bedeutet aber nicht, dass ein behandlungsbedürftiges Burnout-Syndrom keinen Krankheitswert hat. In offiziellen Klassifikationen von Krankheiten wird ein Burnout unter Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung verschlüsselt. Dies führt zur Problematik, dass der Thematik oftmals nicht die Aufmerksamkeit geschenkt wird, die sie verdienen würde. Denn definitiv ist ein Burnout ein Risikozustand. Folgeerkrankungen bei Nicht-Behandlung sind z.B. Depression, Angsterkrankungen, Medikamentenabhängigkeit, aber auch somatische Beschwerden wie Tinnitus und Hypertonie.

Welche Ursachen gibt es?

Dr. Knipel: Als Risikofaktor ist die stetig steigende Anforderung und schlussendliche Überforderung im beruflichen Umfeld zu nennen. Oft wird Personal reduziert, die Arbeit welche erledigt werden soll bleibt aber die gleiche.

„Burnout beschreibt den Zustand, der eintritt, wenn die Kraftreserven aufgebraucht sind und keine Möglichkeiten gefunden werden, diese wieder aufzufüllen.“Dr. Alexander Knipel
Es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Ressourcen. Auch individuelle Faktoren, wie eigene Persönlichkeitszüge, wo der Anspruch an sich selbst sehr hoch gesteckt ist, können das Entstehen eines Burnout-Syndroms begünstigen. Schlussendlich müssen auch somatische und psychische Erkrankungen (z.B. multiple Sklerose, Krebs, beginnende Demenz) mit beachtet werden, die zu einer Leistungseinschränkung führen können.

Wer sind die Betroffenen?

Dr. Knipel: Gerne wird Burnout als Modeerkrankung abgestempelt. Dies ist jedoch nicht so. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Es wird oft von Einzelnen immer mehr verlangt, ohne dass auf die Bedürfnisse eines Einzelnen eingegangen wird. Dies als Problem einer bestimmten Berufsgruppe oder Berufsstand zu sehen, ist sicher nicht richtig. Auch ist Burnout keine „Modeerkrankung“, sondern eine Bezeichnung von Symptomen, die auch schon früher beschrieben wurden. Das Gefühl des „Ausgebranntseins“ ist nichts Neues. In den letzten Jahren kam es allerdings zu einer Zunahme der Problematik.

Welche Symptome treten bei Burnout-Patienten auf?

Dr. Knipel: Die emotionale Erschöpfung, welche sich mit Symptomen wie Kraftlosigkeit, Antriebsschwäche, Mü- digkeit, Kraftlosigkeit und Schlafstörungen zeigt. Bei vielen Betroffenen stellt sich das Gefühl der Gleichgültigkeit gegenüber Mitarbeitern und Klienten ein. Die Menschen distanzieren sich. Die Arbeit wird zu einer unpersönlichen Routine. Die Betroffenen haben oft das Gefühl, trotz Überlastung nicht viel erreichen oder bewirken zu können, die Arbeitsleistung nimmt ab, es mangelt an Erfolgserlebnissen. Dies kann zu einem Gefühl der inneren Leere führen, schlussendlich auch zur inneren Resignation. Daneben erleben Betroffene die eigene Person, aber auch Personen und Objekte innerhalb ihrer Umwelt, als verändert, fremd und unwirklich.

Wie wird Burnout diagnostiziert?

Dr. Knipel: Ein Burnout-Syndrom wird vor allem durch eine ausführliche Anamnese diagnostiziert. Hierbei wird besonders nach Belastungsfaktoren, die den beruflichen Alltag betreffen, als auch nach den belastenden psychischen und somatischen Symptomen gefragt. Bei allen Burnout-Definitionen gilt als notwendige Voraussetzung der Probleme, dass die Betroffenen selbst ihr Beschwerdebild als Folge der Arbeitsbelastung sehen. Entsprechend glauben sie, dass die Beschwerden bei fortbestehenden negativen Arbeitsbedingungen anhalten, sich aber meist nach Schaffung einer neuen, als förderlich erlebten Arbeitssituation zurückentwickeln.

Wie sehen die Therapie/die Behandlungsmöglichkeiten aus?

„Die Empfehlung, die ich gleich geben möchte ist, sich frühzeitig Rat und Hilfe zu suchen.“Dr. Alexander Knipel
Dr. Knipel: Die Empfehlung, die ich gleich geben möchte ist, sich frühzeitig Rat und Hilfe zu suchen. Es ist individuell zu entscheiden ob eine ambulante, teilstationäre oder stationäre Therapie im Vordergrund der Behandlung stehen soll. Sollte sich aus einem Burnout-Syndrom eine Folgeerkrankung entwickelt haben, wie z.B. eine mittelgradige depressive Episode, ist möglicherweise eine stationäre Therapie, mit dem Fokus auf Psychotherapie, zu empfehlen. Oft benötigt es Hilfestellungen und Unterstützung, um Möglichkeiten der Umstrukturierung in der Arbeit besprechen zu können. Im Rahmen einer teil- oder vollstationären Behandlung kann ein intensives Behandlungsprogramm, bestehend aus einzel- und gruppentherapeutischen Angeboten mit verschiedenen Schwerpunkten (z.B. offene Gesprächsgruppen, soziales Kompetenztraining, Stressbewältigungstherapie), angeboten werden. Weiter ist das Erlernen eines Entspannungsverfahrens wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung hilfreich. Aber auch sportliches Programm, Tanz- und Bewegungstherapie, Kunsttherapie und physiotherapeutische Maßnahmen sind wichtige Eckpunkte. Die medikamentöse psychopharmakologische Behandlung sollte nicht im Vordergrund stehen und nur als zusätzliche Unterstützung gesehen werden.

Gibt es Möglichkeiten der Prävention?

Dr. Knipel: Ja, z.B. die Gestaltung von Arbeitsbedingungen die dem Entstehen eines Burnouts entgegenwirken sollen. Hier gibt es von der EU die Sozialpartner-Vereinbarung „psychosozialer Stress am Arbeitsplatz“. Diese befasst sich mit verschiedenen Themen, die zur psychischen Belastung beitragen können, wie Lärm, Licht oder Vibration. Leider wurde die Vereinbarung bisher noch nicht überall umgesetzt. Wichtig ist zudem der sorgsame Umgang mit sich selbst. Positive Erfahrungen wurden mit Entspannungsverfahren und sportlichen Aktivitäten gemacht. Insgesamt ist aber vor allem zu erwähnen, dass der Betroffene seine eigenen Empfindungen ernst nehmen und sich frühzeitig bei einem Fachmann Rat holen sollte. KJ: Vielen Dank für das Interview und die interessanten Einblicke.

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