Panikstörungen: Angst vor der Angst

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Auch wenn die Ursachen von Panikstörungen noch nicht geklärt sind, steht fest,
dass neben genetischen Faktoren auch Stress, Ängstlichkeit, Vermeidungsverhalten
oder traumatische Kindheitserfahrungen eine Rolle spielen. (Foto: Photocreo Bednarek/Fotolia.com)

von Dr. med. Alexander Knipel, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Südostbayern

Immer mehr Menschen leiden unter Angst- bzw. Panikstörungen. Doch was genau versteht man darunter? Wie äußern sich Panikstörungen und wie können sie behandelt werden? Antworten gibt der folgende Artikel.

Wie definiert man Panikattacken bzw. Panikstörungen?

Wichtig ist zwischen einer Panikattacke und einer Panikstörung zu differenzieren. Eine Panikattacke entsteht aus dem „Nichts“. Es sind Anfälle starker Angst. Eine Panikattacke wird vom Betroffenen sehr intensiv und kräfteraubend wahrgenommen. Sie beginnt abrupt, erreicht innerhalb weniger Minuten ein Maximum, dauert mindestens einige Minuten und wird von Angstsymptomen begleitet, beispielsweise einer Vielzahl körperlicher Symptome wie Zittern, Schwitzen und Herzklopfen sowie Befürchtungen wie einen Herzinfarkt zu erleiden, zu ersticken oder in Ohnmacht zu fallen. Die Betroffenen haben hierbei oft Todesangst.

Es kann aber nur dann von einer Panikattacke gesprochen werden, wenn diese ohne klaren Zusammenhang mit einer gefährlichen Situation auftritt.Chefarzt Dr. Alexander Knipel
Eine Panikattacke dauert maximal eine halbe Stunde an. Bei einer schweren Panikstörung können die Panikattacken auch in kurzen Abständen hintereinander auftreten. Es kann aber nur dann von einer Panikattacke gesprochen werden, wenn diese ohne klaren Zusammenhang mit einer gefährlichen Situation auftritt. Sie bezieht sich zudem nicht auf ein bestimmtes Objekt, sondern tritt ohne erkennbaren Grund auf. Die Panikstörung wird in offiziellen Klassifikationen unter „andere Angststörungen“ eingereiht. Laut Definition müssen hierbei wiederholte, nicht vorhersehbare Panikattacken vorliegen. Daneben muss eine organische Ursache medizinisch ausgeschlossen sein.

Welche Symptome rufen Panikstörungen hervor?

Bei einer Panikstörung tritt immer zumindest eines der folgenden Symptome auf: Veränderungen der Herzfrequenz und Herzklopfen, Schweißausbrüche, Zittern und Mundtrockenheit. Viele Patienten berichten von Hitzewallungen, aber auch Kältegefühl oder Kribbeln im Körper. Häufig treten zudem Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl, Schmerzen im Brustkorb, Übelkeit und Unwohlsein im Magen auf. Zu den psychischen Symptomen gehört insbesondere die Angst zu versterben. Die körperlichen Symptome werden als so bedrohlich wahrgenommen, dass dies die Angst massiv verstärkt, was wiederum die körperlichen Symptome verstärkt. Die Patienten berichten über Unsicherheit und Angst vor der Angst. Oft befinden sie sich schon in der Erwartungsangst der nächsten Panikattacke. Diese gesamte Situation ist im weiteren Verlauf oft begleitet vom Gefühl des Kontrollverlustes. Viele Patienten berichten auch, dass sie sich oder die Umwelt als unwirklich und fremd wahrnehmen.

Durch was werden Panikstörungen hervorgerufen?

Angst vor der Angst: Immer mehr Menschen leiden unter Panikstörungen. (Foto: Photocreo Bednarek/Fotolia.com)

Angst vor der Angst: Immer mehr Menschen leiden unter Panikstörungen. (Foto: Photocreo Bednarek/Fotolia.com)

Die Ursachen von Panikstörungen sind zwar noch nicht vollständig geklärt, es steht jedoch fest, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Bekannt ist auch, dass eine gestörte Botenstoff-Aktivität in bestimmten Hirnregionen die Entstehung der Krankheit begünstigt. Daneben spielen die folgenden Faktoren eine Rolle:

Starker Stress (z.B. Konflikte im privaten und beruflichen Leben) kann den Ausbruch einer Panikstörung fördern. Wenn eine stetige innere Anspannung vorliegt, genügt oft ein kleiner Auslöser, der schließlich in eine Panikattacke mündet.

Daneben zeigen Menschen mit einer deutlich erhöhten Ängstlichkeit eine größere Gefährdung Panikattacken zu entwickeln. Rascher als andere interpretieren sie körperliche Reaktionen auf Stress oder Anstrengung oft als lebensgefährlich.

Das Vermeidungsverhalten ist mehr eine aufrechterhaltende Bedingung. Betroffene führen oft Medikamente mit sich oder suchen die ständige Begleitung durch andere Personen. Dadurch kommt es zu einer Verstärkung der Unsicherheit, da die Betroffenen erfahren, dass sie die Situation nicht alleine durchgestanden haben.

Bei Panikpatienten kommen zudem gehäuft traumatische Kindheitserfahrungen, wie sexueller Missbrauch, Verlust eines Elternteils und Gewalt in der Familie vor. Aber auch Belastungen im Erwachsenenalter, zum Beispiel Scheidung oder Tod eines Angehörigen, können zu einer Panikstörung beitragen.

Auch Substanzen wie Alkohol, Zigaretten und Koffein, als auch verschiedene Medikamente fördern das Auftreten von Panikattacken. Beispielsweise wirkt Nikotin anregend auf den Körper. Ist schon eine gesteigerte Grundanspannung vorhanden, steigert das Rauchen einer Zigarette die Unruhe weiter, wodurch sich schneller eine Panikattacke entwickeln kann.

Wie werden Panikstörungen diagnostiziert?

Panikähnliche Zustände können auch im Zusammenhang mit körperlichen Krankheiten auftreten, wie Herzrhythmusstörungen, Herzenge, Schilddrüsenüberfunktion, Unterzuckerungszustände, Asthma bronchiale, Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Schlafapnoe-Syndrom, Epilepsie, Koffeinvergiftung und Drogenkonsum. Diese Erkrankungen lassen sich durch eine eingehende Befragung, als auch medizinischen Abklärungen eruieren. Damit man von einer Panikattacke spricht, muss eine organische Ursache ausgeschlossen werden. Deshalb ist es auch notwendig, diese ernst zu nehmen und im Vorfeld eine ausreichende Diagnostik vorzunehmen, damit keine mögliche somatische Erkrankung übersehen wird. Ist die somatische Abklärung abgeschlossen, sollte der Patient an einen Facharzt (Psychiater), einen Psychotherapeuten oder im Rahmen eines Vorgespräches an die Psychosomatik vermittelt werden, um eine Diagnose der Panikstörung zu stellen.

Wie lassen sich Panikstörungen von anderen Angsterkrankungen abgrenzen?

Durch gezieltes Nachfragen und mittels Fragebögen kann ein Arzt oder Psychologe die Panikstörung von anderen Angsterkrankungen abgrenzen.Chefarzt Dr. Alexander Knipel
Durch gezieltes Nachfragen und mittels Fragebögen kann ein Arzt oder Psychologe die Panikstörung von anderen Angsterkrankungen abgrenzen. Ein Panikattacken-Test ist beispielsweise die Hamilton-Angstskala (HAMA), die der Arzt im Gespräch mit dem Patienten ausfüllt (Fremdbeurteilungsbögen). Es gibt aber auch Selbstbeurteilungsbögen, mit deren Hilfe der Patient selbst seine Beschwerden konkreter schildern kann (State-Trait-Anxiety-Inventory, STAI). Folgende Fragen könnte der Therapeut für die Diagnose Panikstörung stellen: Erleben Sie manchmal Anfälle starker Angst? Tritt die Angst gemeinsam mit körperlichen Symptomen wie Zittern, Atemnot oder Mundtrockenheit auf? Haben Sie nach einem Angstanfall Angst vor einem weiteren Anfall? Gibt es für die Angstanfälle einen bestimmten Auslöser?

Wie lässt sich eine Panikstörung behandeln?

Eine psychotherapeutische Behandlung ist wichtig, aber auch eine medikamentöse Behandlung sollte bedacht werden. Neben der Therapie sind Sport und Selbsthilfegruppen eine sinnvolle Unterstützung. Bei der psychotherapeutischen Behandlung haben sich vor allem kognitive Verhaltenstherapie, als auch psychodynamische Psychotherapie bewährt. Aus eigener Erfahrung im klinischen Alltag kann ich nur berichten, dass sich diese beiden Therapieformen exzellent ergänzen.

Bei der psychotherapeutischen Behandlung haben sich vor allem kognitive Verhaltenstherapie, als auch psychodynamische Psychotherapie bewährt.Chefarzt Dr. Alexander Knipel
Bei der kognitiven Verhaltenstherapie steht zu Beginn die ausführliche Aufklärung des Patienten über die psychische Störung. Es werden dem Patienten Möglichkeiten gegeben, zu lernen mit einer Panikattacke umzugehen und diese auch alleine zu überstehen, beispielsweise durch Atemübungen. Je öfter der Patient merkt, dass nicht die Katastrophe eintritt, dass die Panik auch wieder vergeht und er diese immer besser beeinflussen kann, desto mehr wird er an Selbstsicherheit gewinnen. Ein wichtiger Part ist das Expositionstraining, wobei sich der Patient mit angstauslösenden Situationen konfrontiert. So kommt es im Verlauf der Therapie zu einer Reduktion der Ängste und einer Abnahme der Panikattacken. Wichtig ist auch eine „Rückfallprophylaxe“. Hier bereitet der Therapeut den Patienten auf mögliche Panikattacken vor. Kehren starke Angstsymptome zurück, weiß der Betroffene, wie er damit umgehen und die Panikattacken bekämpfen kann.

Im Rahmen der psychodynamischen Psychotherapie wird besonders darauf geachtet, welche Konflikte hinter der Panikstörung liegen und welche Bedeutung den Panikattacken zukommt. Oft zeigen sich ungelöste Konflikte und unterdrückte Gefühle als Ursache für Panikattacken. Dies gilt es mit dem Patienten gemeinsam zu erarbeiten und ihm verständlich zu machen. Viele Patienten, die unter Panikattacken leiden, fühlen sich hilflos und von anderen abhängig. In der psychodynamischen Psychotherapie ist dann ein wichtiges Ziel, die Patienten in ihrer Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu stärken.

Bei der medikamentösen Behandlung kommt den Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer die größte Bedeutung zu. Diese können bei mittleren bis schweren Panikstörungen eine sinnvolle Ergänzung und Unterstützung darstellen. Benzodiazepine sind allenfalls als „Notfallmedikation“ anzusehen. Zwar wirken sie rasch, jedoch unterdrücken sie nur die Symptomatik und haben hohes Suchtpotential. Keinesfalls sollte hiermit eine längerfristige Behandlung durchgeführt werden.

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