Wann eine Schilddrüse operiert werden muss

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(Foto: Glebstock/fotolia.com)

Von Dr. med. Alfons Murr, Leitender Oberarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie / Proktologie am Krankenhaus Vilshofen

Dr. med. Alfons Murr, Facharzt für Chirurgie, Schwerpunkt Viszeralchirurgie, Zusatz Spezielle Viszeralchirurgie

Dr. med. Alfons Murr, Facharzt für Chirurgie, Schwerpunkt Viszeralchirurgie, Zusatz Spezielle Viszeralchirurgie

In Deutschland sind Schilddrüsenknoten sehr häufig. Fast jeder dritte Erwachsene hat knotige Veränderungen in der kleinen Hormondrüse – meist sind sie harmlos. Bereiten die Knoten allerdings Probleme, dann müssen sie behandelt oder teilweise auch entfernt werden. Nur in seltenen Fällen steckt ein bösartiger Tumor dahinter.

Jährlich werden rund 90.000 Schilddrüsen operativ behandelt. Seit Jahren geht die Zahl der OPs bereits zurück. Dennoch werden in Deutschland noch immer prozentual deutlich mehr Schilddrüsen-OPs durchgeführt als in anderen europäischen Nachbarländern oder in den USA. Das gibt zu denken. So wurde bei einem kalten Knoten früher schnell die Indikation zur OP gestellt, mit dem Hinweis, dass ein bis zu fünfprozentiges Risiko für einen Schilddrüsenkrebs besteht. Auch liegt eine hohe Rate an kompletten Schilddrüsenentfernungen vor (bis zu 40 Prozent).

Grund hierfür war bisher die Meinung, dass man die erneute Ausbildung eines Kropfes, also eine Rezidivstruma, vermeiden kann. Außerdem kann durch diese doch radikale Chirurgie im Falle eines kleineren bösartigen Schilddrüsentumors dem Patienten eine zweite Operation erspart werden. Demgegenüber steht aber das Komplikationsrisiko einer Schilddrüsenoperation, vor allem die Verletzung des Stimmbandnerven.

Diesbezüglich hat sich die Lehrmeinung doch deutlich verändert. Denn man weiß mittlerweile, dass bei weitem nicht jeder Kropf operiert werden muss. Das Risiko, dass ein kalter Knoten bösartig ist, liegt bei nur einem Prozent!

Alternative zur OP

Daher gibt es bei manchen Schilddrüsenknoten auch alternative Behandlungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel die Radiojodtherapie – eine Art innere Bestrahlung durch eine schwach radioaktive Jod-Tablette. Ein relativ neues Verfahren stellt die sog. Thermoablation dar – die Gewebezerstörung durch gezielten Einsatz von Hitze.

Wenn es keine Alternative zur Operation durch den Chirurgen gibt, dann wird das notwendige Operationsausmaß individuell geplant. Dies kann von der Entfernung nur eines Teils der Schilddrüse bis hin zur Entfernung der kompletten Schilddrüse reichen. Dazu braucht es im Vorfeld die richtige Diagnostik. Denn am Ende soll eine gute Indikation zur Operation gestellt werden, die für den Patienten das geringstmögliche Komplikationsrisiko hat, gerade im Hinblick auf das Risiko einer Verletzung des Stimmbandnerven während der Operation.

Schilddrüse im Szintigramm mit kaltem Knoten (Foto: picturetom/fotolia.com)

Schilddrüse im Szintigramm mit kaltem Knoten links im Bild. (Foto: picturetom/fotolia.com)

Die Schilddrüse

Ein kleines Organ, das Hormone bildet, die fast alle wichtigen Körperfunktionen beeinflussen. Dazu gehören zum Beispiel das Herz Kreislauf-System, die Verdauung, Nerven und Muskeln. Zu den typischen Schilddrüsenerkrankungen zählen der Kropf, die Über- oder Unterfunktion sowie Knoten.

Heiße und kalte Knoten

Kalte Knoten werden im Szintigramm blau oder violett angezeigt und sind Schilddrüsenbereiche, die nur noch wenige bis gar keine Hormone mehr bilden. Heiße Knoten (farblich orange bis rot) produzieren dagegen übermäßig viele Hormone.

Diagnose

  • Zunächst stehen das Patientengespräch und die körperliche Untersuchung im Vordergrund. Bestehen Schluckbeschwerden oder ein Kloßgefühl im Hals? Bestehen Zeichen einer Über- oder Unterfunktion? Liegt eine familiäre Belastung vor? Ist der Knoten schnell gewachsen oder seit Jahren langsam größer geworden? Ist die Schilddrüse noch gut verschiebbar?

    Im nächsten Schritt spielt die Ultraschalluntersuchung eine zentrale Rolle. Gefahr- und schmerzlos kann so die Größe, Lage, Form und Gewebebeschaffenheit der Schilddrüse beurteilt werden, um das wirkliche Risiko für den Patienten herauszufinden. Zur Risikobeurteilung von Schilddrüsenknoten setzt sich immer mehr die Einteilung in die sechs TIRADS-Klassen durch. TIRADS 1 = normale, gesunde Schilddrüse bis TIRADS 6 = gesicherter Befund eines Schilddrüsenkarzinoms.

    Anschließend kann durch eine Szintigraphie (siehe Bild oben) herausgefunden werden, ob ein heißer oder kalter Knoten vorliegt. Dabei wird dem Patienten eine schwach radioaktive Substanz verabreicht, um wenig aktives bzw. übermäßig aktives Schilddrüsengewebe sichtbar zu machen.

  • Liegt ein kalter Knoten vor, welcher im Ultraschall verdächtig ist, kann eine Punktion zur mikroskopischen Gewebeuntersuchung durchgeführt werden.

    Sollte eine Hochrisikosituation vorliegen, dann ist die Operation das Mittel der Wahl. Nach wie vor besteht aber auch eine klare OP-Indikation bei Verdrängungs- und Kompressionssymptomen durch sehr große Schilddrüsen.

    (Foto: Glebstock/fotolia.com)

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Ablauf einer Schilddrüsen-OP

  • Wenn nach Durchführung aller notwendigen Diagnostikverfahren eine “gute” Indikation gestellt wurde, dann erfolgt die auf den Patienten zugeschnittene OP-Planung im Rahmen der Arzt-Sprechstunde. Jeder Patient erhält vom Chirurgen noch einmal einen Schilddrüsenultraschall, um die Befunde abgleichen zu können. Das ist unerlässlich für die Operationsplanung: Denn die Chirurgen sind die einzigen, die die erkrankte Schilddrüse bei der Operation live sehen. Die gesamte OP-Vorbereitung kann ambulant erfolgen. Alle Patienten werden sowohl vor als auch nach der Operation von einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt untersucht, welcher die Stimmbänder überprüft. Zur Schilddrüsenchirurgie stehen am Krankenhaus Vilshofen modernste Instrumente zur Verfügung.
  • Für die Operation gibt es eine speziell entwickelte feine Schere, welche das Gewebe gleichzeitig versiegelt und durchtrennt. Nadel und Faden werden kaum mehr gebraucht, was die OP-Dauer und damit auch die Narkosezeit deutlich verkürzt. Zudem verfügt das Krankenhaus über ein neues Neuromonitoring Messgerät der aktuellsten Generation. Dieses Messgerät überprüft dauerhaft den Stimmbandnerven während der Operation sowohl über ein akustisches Signal als auch über einen Bildschirm, vergleichbar mit einem EKG. Damit können die Chirurgen den Stimmbandnerven zusätzlich zur visuellen Identifikation mit einer Sonde überprüfen. So kann das Risiko einer Stimmbandlähmung mit resultierender Heiserkeit des Patienten weiter minimiert werden.

Nachsorge

Der operierte Patient kann abends bereits wieder essen und trinken. Wurden Wunddrainagen bei der OP eingelegt, können diese fast immer am ersten Tag nach der Operation entfernt werden. Die Entlassung in die hausärztliche Behandlung erfolgt meist schon am zweiten Tag nach der Operation, bereits mit einem Kontrolltermin in der Sprechstunde des behandelnden Chirurgen zur Besprechung des feingeweblichen Befunds.

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