Chronische Schmerzen – was tun?

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Millionen von Menschen leiden an chronischen Schmerzen – bis zur richtigen Therapie kann es aber Jahre dauern. (Foto: pathdoc, fotolia)

Er ist Spezialist für chronische Schmerzen: Dr. Stephanus Saam.

Er ist Spezialist für chronische Schmerzen: Dr. Stephanus Saam.

Akute Schmerzen haben eine Warnfunktion und sind eine wichtige Reaktion für den Körper. Bei länger anhaltenden Schmerzen verlieren sie jedoch diese Warnfunktion und es kommt zu einer Chronifizierung. Es entsteht eine eigene Erkrankung, der chronische Schmerz. In Deutschland leiden Schätzungen der Deutschen Schmerzgesellschaft zufolge rund acht bis 16 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Im Interview beantwortet Dr. med. Stephanus Saam, Facharzt für Orthopädie und ärztlicher Leiter der Belegabteilung multimodale stationäre Schmerztherapie am Krankenhaus Vilshofen, Fragen zum chronischen Schmerz.

Was sind chronische Schmerzen?
Wie unterscheidet man zwischen akutem und chronischem Schmerz?

Dr. Saam: Schmerz, der auf verschiedenste Weise auftritt, gehört zu den unangenehmsten aber auch wichtigsten Empfindungen des Menschen. Akuter Schmerz ist ein Warnsignal und zeigt an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Nehmen Sie das Beispiel Zahnschmerzen: Spätestens dann, wenn die Schmerzen unangenehm werden, gehen die meisten Menschen zum Zahnarzt, um die Ursache abklären und im besten Fall beseitigen zu lassen. Anders ist es bei länger anhaltenden Schmerzen, beispielsweise bei ausgeprägten degenerativen Wirbelsäulenveränderungen. Auf die Dauer verliert der Schmerz seine eigentliche Warnfunktion und es kommt zu einer Chronifizierung. Meist spricht man von chronischen Schmerzen, wenn die Beschwerden länger als sechs Monate andauern. Für solch eine Erkrankung lässt sich jedoch nicht immer ein organischer Hintergrund finden, der das Ausmaß vollständig erklärt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Stärke von Rückenschmerzen nicht mit den Veränderungen, die am Röntgenbild oder im Kernspin zu sehen sind, übereinstimmen. Weiterführende bildgebende Untersuchungen am Gehirn von Schmerzpatienten zeigten jedoch, dass das Ausmaß der Beschwerden mit der Aktivierung von Schmerzzentren im Gehirn zusammenhängt. Das heißt, wenn organische Befunde nicht dem Schmerzerleben entsprechen, müssen emotionale und psychosoziale Belastungsfaktoren als ursächlich angesehen werden.

Wie entstehen chronische Schmerzen?

Dr. Saam: Chronische Schmerzen können von organischen Veränderungen ausgehen, beispielsweise an der Wirbelsäule in Form von Arthrosen, Verengungen des Spinalkanals und Bandscheibendegenerationen oder an den großen Gelenken. Dadurch entstehen muskuläre Defizite am ganzen Körper, die die Chronifizierung weiter vorantreiben. Typisch für chronische Schmerzen ist auch eine Mitbeeinflussung durch private oder berufliche Probleme. Im Umkehrschluss führen auch chronische Schmerzen zu psychischen Problemen. Deshalb ist bei der Behandlung ein multimodaler, also vielfältiger Ansatz besonders wichtig.

Welche Risikofaktoren für eine Chronifizierung von Schmerzen gibt es?

Dr. Saam: Zu den Risikofaktoren, die zu chronischen Schmerzen führen können, gehört neben beruflichem Stress, Bewegungsmangel und Übergewicht auch eine genetische Disposition, das heißt eine außergewöhnliche Veranlagung im Erbgut.

Millionen von Menschen leiden an chronischen Schmerzen – bis zur richtigen Therapie kann es aber Jahre dauern. (Foto: pathdoc, fotolia)

Millionen von Menschen leiden an chronischen Schmerzen – bis zur richtigen Therapie kann es aber Jahre dauern. (Foto: pathdoc, fotolia)

Wie werden chronische Schmerzen diagnostiziert?

Dr. Saam: Ein chronisches Schmerzsyndrom kann bei der klinischen Anamnese diagnostiziert werden. Gemeinsam mit dem Patienten wird die Erkrankung sowohl von ärztlicher als auch psychologischer Seite genau analysiert. Bisherige Therapien werden besprochen und auf ihre Wirksamkeit hin geprüft. Im Normalfall sind keine weiteren organdiagnostischen Untersuchungen notwendig. Sollte sich jedoch eine medizinische Indikation ergeben, werden diese selbstverständlich veranlasst. Im Rahmen der Diagnose setzen wir zudem spezielle Fragebögen ein, die das klinische Bild bestätigen oder auch neue Erkenntnisse liefern.

Was verspricht die besten Erfolgsaussichten bei der Behandlung?

Dr. Saam: Während der akute Schmerz einfach und unimodal behandelt werden kann, stellt der chronische Schmerz eine therapeutische Herausforderung dar. Da die Erkrankung sehr vielschichtig ist, können nur mit einem multimodalen Behandlungsteam Erfolge erzielt werden. Das heißt, dass Therapiebausteine verschiedener Fachrichtungen miteinander kombiniert werden. Dabei ist es das Ziel, eine Operation möglichst zu vermeiden, eine weitere Chronifizierung zu unterbinden und den Schmerz aus dem Schmerzgedächtnis zu löschen. Die besten Erfolgsaussichten verspricht hierbei eine Kombination aus physikalischer Therapie, orthopädischer funktioneller Therapie und psychologischer Betreuung.

Wie funktioniert die interdisziplinäre Komplextherapie?

Dr. Saam: Anhand des Schlüsselbefundes wird für jeden unserer Patienten individuell ein intensives 14-tägiges Therapieprogramm zusammengestellt. Ziel ist es, die Symptomatik deutlich zu verringern und eine weitere Chronifizierung zu vermeiden. Bei der Therapie verfolgen wir den interdisziplinären Ansatz der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA). Das heißt, die Behandlung erfolgt interdisziplinär durch ein Team bestehend aus Psychologen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, algesiologisch geschultem Personal, ärztlichen Schmerztherapeuten und Orthopäden.

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