Nachfolge für Marcumar?

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Wer den Gerinnungshemmer Marcumar einnehmen muss ist mit einer Vielzahl von Wechselwirkungen und regelmäßigen Kontrollen konfrontiert. © denisismagilov - fotolia.com

von Dr. med. Josef Baum, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin am Krankenhaus Rotthalmünster

Vier Firmen wetteifern derzeit um die Entwicklung neuer Gerinnungshemmer mit weniger Neben- und Wechselwirkungen

Wer den Gerinnungshemmer Marcumar einnehmen muss ist mit einer Vielzahl von Wechselwirkungen und regelmäßigen Kontrollen konfrontiert. © denisismagilov - fotolia.com

Wer den Gerinnungshemmer Marcumar einnehmen muss ist mit einer Vielzahl von Wechselwirkungen und regelmäßigen Kontrollen konfrontiert. (Foto: denisismagilov – fotolia.com)

An einem kalten, nebligen Februartag im Jahr 1933 fuhr der amerikanische Farmer Ed Carlson in die 300 Kilometer entfernte Großstadt Madison. Auf seinem Lieferwagen eine makabere Fracht: Ein verendetes Kalb, eine Milchkanne voller Blut, das nicht gerann, und jede Menge Klee. Da die landwirtschaftliche Abteilung der Universität an diesem Tag geschlossen hatte, schleppte er seine Beweisstücke in ein Labor nebenan. Dort forschte der Biochemiker Karl Paul Link auch am Wochenende. Link entdeckte aufgrund der Beobachtungen des Farmers Cumarin, eine Substanz in verschimmeltem Süßklee, die die Gerinnung hemmt und die Rinder zum Verbluten bringt.

Künstlich hergestellt trat die Substanz einen weltweiten Siegeszug an, allerdings zunächst als Rattengift. Schon im Altertum war bekannt, dass oft nur die Dosis entscheidet, ob eine Substanz als Gift oder Arzneimittel wirkt. Trotzdem dauerte es noch 20 Jahre, bis das ehemalige Rattengift in niedriger Dosierung, als Marcumar geringfügig modifiziert, für den segensreichen Einsatz beim Menschen etabliert wurde. Zum Durchbruch kam es aber erst, als sich der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower 1955 dank Marcumar von einem Herzinfarkt gut erholte.

Wie wirkt die Substanz Marcumar?

Marcumar und verwandte Medikamente werden landläufig oft als „Blutverdünner“ bezeichnet. Doch wird das Blut nicht „verdünnt“, sondern beeinflusst wird die Eigenschaft des Blutes, bei Verletzungen Gerinnsel zu bilden, also Blutpfröpfe, die die Wunde abdichten und verhindern, dass wir daran verbluten. In der Steinzeit mit ständiger Verletzungsgefahr war ein aggressives Gerinnungssystem überlebenswichtig. In der Zivilisation überwiegen die Nachteile: Blutgerinnsel können sich auch in unerwünschten Situationen bilden, beispielsweise bei bestimmten Herzrhythmusstörungen. Verstopfen die Blutgerinnsel die Gefäße am Entstehungsort, sprechen wir von einer Thrombose. Werden die Blutgerinnsel mit dem Blutstrom verschleppt, von einer Embolie. So wird ein Teil der Schlaganfälle durch Embolien verursacht, die zum Beispiel im Herz entstehen.

Mit Marcumar lassen sich zuverlässig Blutgerinnsel und Folgeerkrankungen verhindern und behandeln. Trotzdem ist die Substanz bei Ärzten und Patienten aufgrund der notwendigen ständigen Blutabnahmen für die Dosierungssteuerung und der Vielzahl der zu beachtenden Verhaltensmaßnahmen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gleichermaßen unbeliebt. Es war deshalb ein großer Fortschritt, als vor fünf Jahren nach jahrelanger Entwicklungsarbeit neue Gerinnungshemmer auf den Markt kamen, ohne die Nachteile des Marcumars. Derzeit wetteifern vier Firmen mit ihrem Medikament um die beste Marcumar-Nachfolge.

Neue Gerinnungshemmer – ein Fortschritt?

Doch sind die neuen Gerinnungshemmer besser oder zumindest unbedenklich? Generell können auch die neuen Substanzen unerwünschte Blutungen verursachen, das liegt am Wirkprinzip. Schon eine Senkung der Blutungsrate bei gleicher Effektivität oder eine bessere Wirksamkeit ohne Erhöhung des Blutungsrisikos wären ein beachtlicher Erfolg. Zwischenzeitlich existieren dutzende Studien und die Beobachtungen an Millionen Menschen mit überzeugenden Ergebnissen, die allerdings nicht an die Fallzahlen von Marcumar in seiner 60-jährigen Geschichte herankommen. Daneben gibt es bestimmte Erkrankungen, zum Beispiel Herzklappenfehler, bei denen sich Marcumar als besser erwiesen hat, als die Nachfolgesubstanzen. Zudem unterscheiden sich die neuen Medikamente auch untereinander, beispielsweise durch die einmal oder zweimal tägliche Einnahme, die Abhängigkeit von der Nierenfunktion und die verfügbaren Gegenmittel bei Blutungen.

Individuelle Entscheidung

Ob und welche Gerinnungshemmer gegeben werden, ist immer eine Einzelfallentscheidung. Sollte sich eine Blutgerinnungshemmung als notwendig erweisen, werden wir in ausführlichen Gesprächen auf die Unterschiede der verfügbaren Substanzen eingehen und die Vorstellung des Patienten in die Entscheidung mit einbeziehen. Ebenso erfolgt eine ausführliche Unterweisung über den Umgang mit diesen Medikamenten und das Verhalten bei Blutungen, um das Anwendungsrisiko möglichst gering zu halten.

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